Botox- Nervengift als Faltenkiller

Frauen hingegen werden ab Mitte dreißig regelrecht hysterisch beim Anblick winzigster Fältchen. Bei den Amerikanerinnen ist ein Schönheitswahn ausgebrochen, mit sechzig hat man auszusehen wie mit dreißig. Schauspielerinnen, die das vierzigste Lebensjahr überschritten haben, verschwinden plötzlich von der Bildfläche und werden durch jüngere Kolleginnen ersetzt. Früher rannten die Damen in Scharen zum Schönheitschirurgen, um sich die überflüssige Gesichtshaut hinter den Ohren festtackern zu lassen, um es einmal salopp auszudrücken. Heute ist Botox in aller Munde. Wie das mit den amerikanischen Trends nun mal so ist, hat sich auch dieser in Europa durchgesetzt.
Was verbirgt sich überhaupt hinter dem Namen „Botox“?
Der Wirkstoff Botulinumtoxin ist ein Nervengift. Es stammt von Bakterien, die Lebensmittelvergiftungen auslösen können. Die Reizübertragung von den Nervenzellen auf den Muskel wird geblockt. Der Muskel wird dadurch entspannt oder gelähmt. Wird das Mittel in geringen Dosen eingesetzt, werden kleine Gesichtsfalten geglättet.
Ursprünglich wurde Botox seit Anfang der 80er Jahre als zugelassenes Arzneimittel zur Behandlung von Bewegungsstörungen, Schielen oder Lidkrämpfen eingesetzt. Bei Schiefhals-Erkrankungen und Muskelspastiken kommt der Wirkstoff seit über zwanzig Jahren erfolgreich zum Einsatz. Das Nervengift löst nicht nur Verkrampfungen, sondern auch die dadurch entstandenen chronischen Schmerzen. Wird der Wirkstoff in die Muskulatur gespritzt, wird verhindert, dass der Botenstoff Acetylcholin aus den Nervenfasern freigesetzt wird. So kann das Acetylcholin nicht an die Muskelfasern andocken. Dadurch können sich die Muskeln nicht mehr zusammenziehen und erschlaffen. So lassen sich Muskelverspannungen lösen. Botox wird auch erfolgreich bei Migräne-Patienten eingesetzt. Bei Patienten mit Spannungskopfschmerzen ist die Wirksamkeit noch nicht hinreichend erforscht. Weiterhin wurden Erfolge bei der Behandlung von übermäßigem Schwitzen an Händen, Füßen und den Achseln, erzielt.
Durch eine flächenhafte Injektion der betroffenen Stellen wirkt das Botox zwischen sechs und neun Monaten.
Durch Zufall entdeckten Augenärzte, dass sich nach dem Einsatz von Botox nicht nur die Lidkrämpfe besserten, sondern auch die „Krähenfüße“ einer Patientin verschwanden. Ein kleiner Nebenbefund, der bahnbrechende Folgen hat. So wurden im Jahre 2001 in den USA 1,6 Millionen Frauen und Männer mit dem Nervengift gegen Falten behandelt. Und auch bei deutschen Dermatologen und plastischen Chirurgen ist die Nachfrage explosionsartig gestiegen. Das merkwürdige an der Sache ist, dass besonders junge Damen, die es überhaupt nicht nötig haben, nach Botox geradezu gieren. Kleinste Krähenfüße oder Kummerfältchen haben anscheinend keine Berechtigung mehr, die europäischen Gesichter zu verunstalten.
In welchen Fällen kann man überhaupt mit Botox behandeln? Verschwinden plötzlich alle Falten aus dem Gesicht und man sieht wieder aus wie 25? Botox-Behandlungen eignen sich besonders gegen die Faltenbildung in der oberen Gesichtshälfte. Da kommen quere Denkerfalten auf der Stirn in Frage oder steile Zorneslinien zwischen den Augenbrauen, sowie Krähenfüße im Augenbereich. Lähmt der Arzt diese Muskelpartie mit einer Injektion, entspannen sich die Muskeln. Der Patient ist nicht mehr in der Lage, die Stirn zu kräuseln. Somit verschwinden die Hautfurchen. Der Effekt bei der Behandlung hält für etwa sechs Monate an. Mit Hilfe einer Spritze wird das Botox in den zu behandelnden Muskel injiziert. Dieser Vorgang kann etwas unangenehm sein und Schmerzen bereiten. Sie klingen jedoch schnell wieder ab. Nach einer kurzen Kühlungszeit mit einem Eisakku sind die Behandelten gleich wieder gesellschaftsfähig.
Das Resultat der Behandlung soll sofort erkennbar sein, die Gesichtshaut ist angeblich direkt nach der Injektion sichtbar glatter, Falten sind verschwunden. Nach drei bis vier Tagen soll das Ergebnis noch besser sichtbar sein, der Höhepunkt der Behandlung ist am zehnten Tag nach dem Eingriff. Um ein dauerhaftes Resultat zu erzielen, sollte die Behandlung alle vier bis sechs Monate wiederholt werden.
Bei Lippen-, Nasen- und Mundfalten sollte auf den Einsatz von Botox besser verzichtet werden. Hier kann es durch eine Botoxbehandlung zum Herabsinken der Gesichtspartie kommen. Experten halten die Anwendung im Mundbereich sogar für sehr bedenklich, da es durch die starre Gesichtsmimik zu Beeinträchtigungen beim Essen, Küssen und Sprechen kommen kann. Die so genannte Nasolabialfalte im Bereich der Mundwinkel entsteht durch eine nachlassende Bindegewebsspannung. Sie kann nicht einfach wie die Stirnfalte „weggelähmt“ werden. Für die Behandlung der Nasolabialfalte eignen sich Unterfütterungen mit Eigenfett, Kollagen oder Hyaluronsäure.
Über die möglichen Nebenwirkungen erfährt man herzlich wenig, doch die können ganz verheerend sein. Allerdings sind die unerwünschten Nebenwirkungen in den meisten Fällen nur zeitlich begrenzt. Nach der Injektion kann es zu Schwellungen und Blutergüssen im Bereich der Einstichstelle kommen. Bei Botoxbehandlungen im Bereich der Augenwinkel kann das Mittel in die Nähe der Augenmuskel gelangen. Dadurch ist die Augapfelbewegung eingeschränkt und bei dem Behandelten treten Doppelbilder auf. So entstehen auch hängende Augenlider-, und Brauen. Durch eine zu hohe Botox-Dosierung kann es zu einer starren Gesichtsmimik kommen. Dieses Phänomen ist häufig bei amerikanischen Schauspielerinnen zu beobachten. Ein zorniger oder deprimierter Gesichtsausdruck ist schier unmöglich, da die Gesichtsmuskulatur gelähmt ist. Bei häufigen Anwendungen kann es zu Infektionen, einem allgemeinen Krankheitsgefühl, trockenem Mund und Augen, Muskelschwund sowie allergischen Reaktionen, kommen.
Die gefährlichsten Nebenwirkungen sind kürzlich in Amerika aufgetreten, nachdem spastisch gelähmte Kinder mit Botox behandelt wurden. Das Nervengift hatte sich über die Injektionsstelle hinaus im Körper ausgebreitet und zu Schluck- und Atemstörungen geführt. Bei den schwerwiegendsten Fällen ist es sogar zum Tod durch Ersticken gekommen. Aber wer dem Schönheitswahn verfallen ist, lässt sich bekanntlich von den wenigen Nebenwirkungen nicht abschrecken. In den USA sind Botox-Partys der letzte Schrei. Früher waren Tupper-Partys „in“, heute wird man dafür eher belächelt.
Vor allem in New York und Los Angeles lassen sich Frauen ab 25 Jahren das Nervengift spritzen, um bloß wieder jünger auszusehen. Der Traum aller Frauen wird wahr. Für viele wohl eher ein Alptraum. 8,5 Millionen Mal unterzogen sich Amerikaner im Jahr 2001 einer Botox-Behandlung.
Zwischen Lachshäppchen und Champagner wird das Botox herumgereicht wie ein Stück Torte. In der Menge der aufgestylten Damen klärt der Doktor die schon angetrunkenen Damen über mögliche Nebenwirkungen auf. Dann geht es ans Werk. Nacheinander werden die Patientinnen mit Botox-Injektionen versorgt und die Party kann weitergehen. Wenigstens braucht man über blöde Witze nicht mehr zu lachen, das macht die gelähmte Gesichtsmuskulatur sowieso nicht mehr mit. So eine Party wird vermutlich über kurz oder lang auch in Deutschland für Furore sorgen. Wahrscheinlich eher über kurz.
Leider sind zu den Zahlen der Botox-Behandlungen keine Statistiken zu finden. Diese werden wohl niemals zu finden sein, da kaum einer zugeben mag, dass er behandelt wurde. Es ist jedoch anzunehmen, das die USA den ersten Platz belegen. Bei Künstlern wie Cher, Madonna, Nicole Kidman oder Cliff Richard sind die Behandlungen ganz offensichtlich zu erkennen. Eine so schockgefrorene Mimik ist für ein unbehandeltes Gesicht einfach unmöglich.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich der Trend irgendwann wieder in eine andere Richtung bewegt.










